Buchbesprechung: „Entfesseltes Blitzen“ von Tilo Gockel

Rezension „Entfesseltes Blitzen“
Autor: Tilo Gockel, erschienen bei Galileo Press
ISBN: 978-3-8362-2626-4 für 39,90 EUR.

Sind Aufsteckblitze nun Segen oder Fluch? Diese Frage sorgt bei Generation von Fotografen für lebhafte Debatten. Für die Einen ist der Aufsteckblitz ein Garant für „totgeblitzte“, leblose Bilder, für die Anderen hingegen zaubert der gut dosierte Einsatz des Blitzes erst die richtige Stimmung in das Bild und wertet die Aufnahme enorm auf. In manchen Situationen macht der Aufsteckblitz eine Aufnahme überhaupt erst möglich

Der Autor des nun vorliegenden Buches räumt auf mit antiquierten Vorurteilen und zeigt dem Leser in 27 Workshops zur Porträt-, Food und Produktfotografie wie die „Wunderwaffe Aufsteckblitz“ gewinnbringend eingesetzt werden kann. . Trennt man den Blitz von der Kamera, setzt ihn also „entfesselt“ ein, erschließen sich dem Fotografen ganz neue Möglichkeiten die sonst nur mittels professioneller Studioblitzanlagen umzusetzen wären. Mit einem Umfang von 254 Seiten ist dieser Ratgeber schon kein Leichtgewicht mehr. Das Buch selber kommt in der von Galileo gewohnt hervorragender Qualität daher. Ein fester Einband und das kleine Leinenbändchen als Lesezeichen sind hier quasi bereits Standard.



Das Buch ist Herstellerunabhängig geschrieben. Die vorgestellten Techniken lassen sich also mit Aufsteckblitzen nahezu jeden Herstellers umsetzen. Die einzelnen Kapitel sind reich bebildert. So finden sich neben den obligatorischen Beispielfotos immer auch die entsprechenden Lichtskizzen die den jeweiligen Lichtaufbau beschreiben. Auch das verwendete Zubehör ist abgebildet. Zudem erleichtern einige Tabellen den Überblick.

Wenngleich sich das Buch nicht an 100%ige Fotografieanfänger wendet, beginnt der Autor im ersten Teil des Buches zunächst mit einem „Crashkurs Blitztechnik“. Nach dieser Einführung die neben der Motivation für das blitzen auch das Handwerkszeug beschreibt geht es dann ziemlich rasch ans Eingemachte. Berechnung der Leitzahl, Schlitzverschluss überlisten, TTL-Messung vs. manuelles Blitzen sowie Blitzbelichtungskorrektur sind einige der Schlagworte denen sich Tilo Gockel hier widmet. Bereits nach wenigen Seiten wird deutlich, dass der Autor weiß wovon er redet. Tilo Gockel „schwafelt“ nicht herum, sondern kommt schnell auf den Punkt, wobei der Text einfach zu lesen ist und auch für den Amateurfotografen keine Verständnisprobleme aufkommen lässt. Manchmal ist es verständlicherweise unumgänglich bestimmte Fachbegriffe zu verwenden. Ist das der Fall, dann werden diese aber auch ausreichend genug erklärt. Im Anhang des Buches findet sich folgerichtig dann auch zusätzlich noch mal eine „Übersetzungsmatrix“ die die englischen Fachbegriffe der deutschen Bedeutung gegenüberstellt.

Im ersten Workshop nun, geht es um das lenken und formen des Lichts. Die Technik des bouncen, also das umlenken von Licht, wird beschrieben und einige Hilfsmittel wie Schirm oder Softbox werden vorgestellt. Auch ungewöhnliche Lösungen haben hier Einzug in das Buch gefunden. Sehr schön beschrieben ist der Bau eines Ringblitzes (oder besser der Simulation des selbigen) aus mehreren Systemblitzen. Sogar an die Angabe der Bezugsquellen für die benötigten Materialen wurde gedacht. Es folgen zahlreiche Bildbeispiele die aufzeigen, welche Ergebnisse mit so einer Konstruktion erreicht werden können, wie man dorthin gelangt und welche Verbesserung mit nachträglicher Bildbearbeitung am Computer erreicht werden.

Wunderbar und einfach nachzuvollziehen sind auch die Fotos aus dem Kapitel „Mit Farben und Mustern spielen“. Preiswerte Effekte mittels Farbfolien sind hier das zentrale Thema. Auch das beliebte „Shooting zur blauen Stunde“ wird angesprochen. Was aber ist, wenn die „blaue Stunde“ verpasst wird ? Kein Problem, – dann „basteln“ Sie sich mittels Farbfolie und Weißabgleich eben Ihre eigene.

Ferner wird die Möglichkeit Muster mittels Projektion auf den Hintergrund zu bringen angesprochen. Das Ganze setzt Tilo Gockel dann mit Hilfe einer alten, analogen Spiegelreflexkamera um, die er zusammen mit einem Aufsteckblitz kurzerhand zu einem Projektor umfunktioniert. Sehr schön, was mit ein wenig Kreativität auch im „LowBugdet-Bereich“ möglich ist.

Das derzeit sehr angesagte „Mystic Light“ wird anhand einer Foodaufnahme sinnvoll zum Einsatz gebracht und die Umsetzung in gewohnt kompetenter Art beschrieben. Hier wird der Blitz während der Aufnahme bewegt. Der Fotograf „malt“ während der Dauerbelichtung Lichtakzente auf sein Motiv. Nicht neu, aber immer wieder ein Hingucker.

In der Lebensmittelfotografie wird Frische oft durch Wassertropfen simuliert. Wie diese Technik effektvoll eingesetzt werden kann zeigt der Autor am Beispiel einer eigentlich eher nüchternen Aufnahme eines Bündel Radischen. Ohne Wasser und „eingefrorene“ Tropfen wäre die Aufnahme relativ nichtssagend. Mit der vorgestellten Technik jedoch wird daraus eine äußerst dynamische Aufnahme die Frische und Gesundheit des Gemüses so lebendig unterstreicht, dass einem die Aufnahme praktisch zuruft: „Kauf mich, iss mich“. So soll es sein.

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Produktaufnahme bildet dann das Foto einer Halskette. Auch hier entsteht mit einfachsten Mitteln eine sehr ansprechende Präsentation.

In den nächsten Kapiteln geht es dann um mein persönliches Lieblingssujet. People-, Portrait-und Fashionfotografie.

Keine Sonne? Kein Problem, – mach dir deine eigene. Mittels Aufsteckblitz und der richtigen Technik zaubert man auch an trüben Tagen eine wundervolle, sommerliche Stimmung in seine Aufnahmen. Auch hochwertige Modeaufnahmen unter Einbeziehung eines flotten Sportwagens sind mit Aufsteckblitzen kein Problem. Tilo Gockel zeigt wie man das Auto ausleuchtet, Systemblitze mit einem Porty (transportabler Studioblitz) kombiniert und künstlichen Rauch erzeugt. Gut, das Setup ist aufgrund der vielen verwendeten Blitze und nicht zuletzt wegen dem Porty nicht mehr für jeden umsetzbar, aber dennoch äußerst interessant. In dem folgenden Workshop „Fashion Shooting mit Oldtimer“ kann dann auch der weniger gut ausgestattete Amateur wieder mithalten. Drei Blitze reichen aus um das vorgestellte Shooting nachzustellen.

Im Rest des Buches geht es vornehmlich um derzeit angesagte Techniken. Funk-TTL und „Gang Light“ werden erklärt und kommen zum Einsatz. Dynamische Aufnahmen am oder im Wasser zeigen eindrucksvoll, wie man seine Aufnahmen mit Leben füllt. Ebenso lebendig wirken die sogenannten „Mehlstaub-Aufnahmen“, die durch die Sendung „Germanys next Top-Models“ einer breiten Masse an Fotografen bekannt geworden sind. Hier wird fliegendes Mehl mit Blitzlicht „eingefroren“, so dass es wie Rauch, oder manchmal auch wie kleine Explosionen am Körper des Models wirkt.

Im Rahmen dieser Buchbesprechung ist es kaum möglich auf die vielen nützlichen Tipps und Kniffe einzugehen die uns der Autor in seinem neuesten Werk mit auf den Weg gibt. Vom „Poor Man´s Lightning Setup“ über Stroboskopeffekte bis hin zum fotografieren unter Zuhilfenahme von Lichtschranken ist (fast) alles dabei was das Herz des (zukünftgen) Strobisten höher schlagen lässt. Auch Dinge wie man ohne Risiko ältere Blitze an modernen Kameras einsetzen kann und das „richtige“ laden von Akkus werden angesprochen.

 Fazit: Das Buch „Entfesseltes Blitzen“ ist ein kompetenter Ratgeber und ein neuerlicher Rundumschlag in Bezug auf das fotografieren mit dem entfesselten Aufsteckblitz. Sowohl Blitzanfänger, als auch fortgeschrittene Benutzer dürften voll auf Ihre Kosten kommen. Es wird umfassend aber leicht verständlich informiert und es bleiben nach der Lektüre kaum Wissenslücken wenn es um das genannte Thema geht. Die Angaben von Bezugsquellen sowie zahlreiche Weblinks im Anhang runden das Werk wohltuend ab.

 

Kaufempfehlung !

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte ergänzen Sie die fehlende Zahl ! * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.